Zu Besuch in Leominster

Eindrücke vom Schüleraustausch mit Großbritannien

Tag 1

Anreise

Phänomenaler Abendhimmel während des Fluges, der Kanal mit dutzenden hell erleuchteten Schiffen und ein atemberaubender Blick über ganz Südengland, von Canterbury über die Themsemündung nach London glitzern die englischen Metropolen und Ortschaften unter uns und es streckt sich der englische Südwesten in die Dunkelheit des Atlantiks und den dunkelrot glühenden Horizont

Feuchte Kälte auf den Bahnhöfen lässt uns bibbern; die Fährnisse der Bahnprivatisierung – kalter und schmutziger Zug, Verspätung und mehrfache Gleisänderungen in den letzten Minuten vor den Abfahrten unserer Züge – lassen uns schaudern, zittern, rennen, schleppen, mit bangem Blick auf den Fahrplan mit dem letzten Zug nach Leominster blicken und uns mit dem Kopf schütteln. Wer meinte, sich über die DB beschweren zu müssen?

Aber dann, trotz der späten Stunde, ein sehr herzlicher und warmer Empfang durch ein gutes Dutzend Austauschpartner am kalten Bahnhof und Geleitschutz zur Jugendherberge über die dunklen, überfrierenden Straßen der Kleinstadt. Schon entschädigt! Vielen Dank an „die Engländer“ für die Wärme aus dem Herzen.

 

Tag 2

Ein „ganz normaler“ Schultag

Empfang in der Schule und erster Kontakt mit den strengen Sicherheitsvorschriften beim Betreten des Schulgebäudes, folgend eine Führung durchs Schulgebäude. Draußen ist es… na, was wohl? Genau! Neblig.

Kleine Kennenlernspiele lassen schnell das letzte Eis brechen. Das freut das Lehrerherz.

Ab in den Unterricht! Eine Gesamtschule, also Superschnelldenker und Langsamlernende alle in einer Klasse. Auch das Spannungsfeld von äußerer Strenge (Rules! Detention!) und herzlicher Zuwendung. Interessant!

Schulfach „Food“: Schüler bringen Rezepte und Zutaten und lernen unter Anleitung das Kochen.

Mittagessen in der Schulmensa. Hmm…naja, wohl nicht jedermanns Fall. Definitiv essbar, aber: es fehlt Salz. Dagegen die Kebapspieße, Burger und die Reiscurries der Schüler aus der „Food“-Stunde vorher: deutlich würziger als Baked Beans und äußerst sparsam gesalzene grüne Bohnen, gedämpfter Mais und Potato Wedges und Ofenkartoffeln. Aber das liegt wohl an den Gesundheitsvorschriften beim Mensaessen.

Die Sonne kommt raus, aber wir gehen zurück in den Unterricht. Food (diesmal sehr theoretisch, „Health and Safety Regulations“), oder German (als Fremdsprache (!)), oder History, oder Science, oder …

Und dann ein schöner Abschluss des Schultages und eine tolle Überraschung für uns, welche die Gastlehrerin zusammen mit Kollegen vorbereitet hat: Gemeinsames Backen mit den Austauschpartnern und dann die obligatorische „Tea Time“, mit Sandwiches und selbstgebackenen Scones mit Sahne und Erdbeermarmelade. Viel Kommunikation! Das Lehrerherz… Jaja, hatten wir schon.

Zurück zur Jugendherberge durch die gemütliche und hübsche Kleinstadt mit sprödem, spätwinterlichem Charme, die auch bereits die Bordsteine nach oben klappt. Es ist 5 Uhr nachmittags und die Geschäfte schließen. Eine Region, die fern der multikulturellen, bunten Städte und des Bohemian New Chic vor sich hin schlummert.

Es ist warm in der Unterkunft! Warum erwähnenswert? Hatten wir davon noch nichts erzählt? Heute morgen noch: keine Heizung und Wasser aus der Leitung in Form von Eiswürfeln, Eisblumen an den Fenstern.

Jetzt aber Schluss für heute. Abendessen!

Abendplan: Spiele, Quatschen, Travel Diaries gestalten. Und Duschen nachholen. ?

 

Tag 3

Herrlicher Wintermorgen! Und der restliche Tag wird dann wettertechnisch auch so bleiben.

Heute geht auch die Heizung. Ein schnelles Frühstück, und zur Schule.

Ein paar Unterrichtsbesuche und zur zweiten Stunde sind wir dann selbst gefordert. Landeskundliche Referate (auf Englisch für die German First Years) zu deutscher Geschichte und Kultur und zu regionalen Berühmt- und Besonderheiten wie Hans Sachs (Wer ist denn jetzt das?), Bratwürsten, unserer Schule und dem Schulsystem, deutscher Teilung, Nürnberg als NS-Stadt, usw.
Weitere Unterrichtsbesuche und dann das Highlight des Tages für unsere Austauschpartner: sie dürfen sich bereits vor dem Mittagessen in der Mensa ihrer Schuluniformen entledigen und in ganz normale Klamotten schlüpfen. Unbezahlbar! Vor allem wenn es sonst schon Strafpunkte gibt für falsche Gürtel, heraushängende Hemden, etc.

Nachmittags: Fahrt nach Hereford, eine herausgeputzte Kreisstadt. Besuch der Kathedrale (Impressive!) inklusive der „Mappa Mundi“ (eine mittelalterliche Weltkarte aus dem 13. Jahrhundert, geografisch höchst inakkurat und eher eine sehr freie „Interpretation“ der damals bekannten Welt), außerdem liegen einige Gebeine und Steinskulpturen herum.

Stadtrallye und dann 2 Stunden bummeln. Wobei, altes Problem: um 17 Uhr klappen auch hier die ersten Bürgersteige hoch.

Dann noch kulturelles Eintauchen mit dem absoluten kulinarischen Höhepunkt der Reise: Fish and Chips. Ein typische Chippery, fast alles wird frittiert, und alle sind unglaublich nett. Der Chef hat sich sogar noch an uns erinnert, also zumindest an die Gruppe deutscher Schüler mit Lehrern. Nach einer einstündigen Belagerung des Ladens dann zum Bahnhof und „heim“ nach Leominster.

Kurze abendliche Plauderrunde zu den bisherigen Erfahrungen. Einstimmiges Urteil: erstaunliche Begegnungen mit vielen netten Menschen, die es lieben, mit Fremden ein Schwätzchen zu halten, einfach so, mitten auf der Straße.

 

Tag 4

Beginnt, zum Leidwesen vieler, mit: noch früher aufstehen, um bei der Assembly (der morgendlichen Jahrgangsstufenversammlung) dabei sein zu können. Kurze Schülervorträge der 10.-Klässer zu persönlichen Vorsätzen und der eigenen Einstellung mit dem Motto: Mach etwas aus Dir! Und fang gleich damit an!

Dann geht es wieder zurück durch die Stadt zur Kirche in der Nähe des Hostels, weil einfach noch ein bisschen Lücke ist, bis der Zug nach Cardiff fährt. Eine für dörfliche Verhältnisse sehr beeindruckende Kirche. Besonderes Einrichtungsobjekt: der letzte „Ducking Stool“ aus dem 18. Jahrhundert. Ein Stuhl auf einem mehrere Meter langen Holzausleger, damals verwendet, um Menschen zu bestrafen für Gesetzes- und Sittenverstöße. Auf dem Sitz festgebunden wurde man mehrmals in den Fluss getaucht. Auch ein beliebtes Folterinstrument für die Hexenverfolgung, inklusive Ertränkungsversuch. Bei Überleben: ganz klarer Beweis für Hexerei. Bei Ertrinken: klarer Beweis der Unschuld. Blöd nur, dass…

Auf geht’s nach Cardiff! Schade, das Wetter ist mies. Weit kann man nicht in die walisische Landschaft blicken, zum Glück aber kein Regen.

Cardiff: Heute circa zwei Drittel der Größe Nürnbergs, vor 200 Jahren noch ein Nichts auf der Landkarte mit gerade mal 1000 Einwohnern, dann eine Ortschaft, die sich im Zuge der Industrialisierung als Knotenpunkt der Kohle- und Stahlindustrie zu einem Schwergewicht entwickelte, dann einen jähen Absturz hinnehmen musste, und sich im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte neu erfunden hat als Hauptstadt, Einkaufsstadt, Touristenmagnet, Unistadt, Kulturstadt und Amüsierzentrum am Abend, im architektonischen Spannungsfeld zwischen Viktorianismus, Gotik, romanischer Burg und viel modernem Glas, Schiefer, Stahl und Beton.

Kleiner Stadtrundgang zum Parlament (Cooles Gebäude!) und Opernhaus am ehemaligen Hafen, zurück in die Innenstadt und einmal quer durch. Dann endlich: Freizeit! Problem nur: Was damit anfangen? Nach 2 Stunden Einkaufsbummel ist die Luft erst mal raus. Museumsbesuch wäre durchaus möglich gewesen, wenn man erst ins Museum und dann zum Shoppen gegangen wäre. Hmm…, dann werden eben Waliser interviewt. Zu Walisisch, oder zu Stereotypen, oder zum Brexit, oder was einem eben noch so alles einfiel. Und gleichzeitig noch ein bisschen Sightseeing und vor allem Futtersuche. Hier gibt es natürlich alles, was das Herz begehrt. Chinesisch, Sushi, Italienisch, Griechisch, Britisch, Sri Lankisch (?), …

Erschreckend: viele Obdachlose! Manche vermutlich gestrandete Einwanderer, die meisten aber wohl Einheimische, durchgerutscht durchs soziale Netz, das nicht ganz so engmaschig geknüpft ist, wie wir das kennen. Ein Bildungssystem, das mit viel Mühe und Einsatz gestaltet ist und arbeitet, vielleicht aber nicht allen Charakteren gerecht wird und ein weniger ausgeprägtes Ausbildungssystem im Handwerk tun den Rest.

Schnuckelig: die vielen kleinen „Arcades“. Überdachte, schmale Gassen bzw. Gänge, sich zwischen mehreren Häusern windend, mit vielen kleinen Läden und Cafés und Imbissen.

Kontrast dazu: die gigantische „St David’s Arcade“, ein Einkaufszentrum, dass sich durch die Erdgeschosse und das erste Stockwerk mehrerer großer und moderner Gewerbegebäudekomplexe zieht. Nicht klein und schnuckelig, eher groß und chic und kühle Atmosphäre und eben nicht so einzigartig.

Heim mit dem Zug und Reisetagebuch weitergestalten und noch quatschen und spielen. Und Besprechung für den nächsten Tag!

 

Tag 5

Zum Glück ist das Frühstück schon fast beendet, als der Strom ausfällt. Reparaturarbeiten in der Nachbarschaft, der Hostelmanager hatte vergessen es zu erwähnen.

Besonderer Tag in der Schule: Drop Down Day. Für die Partnerschüler sind das 5 verschiedene Stunden zu Themen, die aus dem Leben gegriffen wurden: Body Image, Sexpectations, Businessplanung, Kriminalität, Bewerbungen. Wir gehen mal mit.

Letztes Mittagessen in der Schule: Es ist eigentlich schon ganz gut, aber für unseren Gaumen fehlt einfach Salz. Und das gibt es auch nicht zum Nachsalzen, weil ungesund.

Freizeit in Leominster mit Aufgabenrallye durch die Stadt. (Finde alle Charity Shops der Stadt! Finde eine Leominster Landmark!) Während Herr Steger noch das Schulgebäude demoliert, entert Frau Rentsch die örtlichen Antiques Shops.

Später geht’s zum Hostel. Aufräumen, Dekorieren, „Kochen“. Die Partnerschüler und ein paar Lehrer kommen zum Abschlussabend. Und Tristram, Mitglied der örtlichen Diözese, einer Partnergemeinde einer Nürnberger Kircheneinrichtung. Er hat vor 4 Jahren den Stein mit ins Rollen gebracht und für den Kontakt gesorgt und so lange insistiert, bis es gefunkt hat zwischen HSG und Earl Mortimer College und Rosie Joules sich ins Zeug gelegt und den Austausch trotz aller bürokratischer (Und die sind nicht klein!) und organisationtstechnischer Hürden hingezaubert hat.
Zum Essen gibt es 3 im Weggla. Und für die ganz Wagemutigen Sauerkraut. Spiele, Lieder singen, natürlich viel Schwatzen, und dann noch der gefühlte Höhepunkt des Abends: ein kurzer, aber leidenschaftlicher Appell von Tristram. Der Mann lässt es sich nicht nehmen, erklimmt einen Stuhl und spricht.
To put it in a nutshell: Erhaltet die Freundschaft! Trotz des „silly Brexit“.

Und dann gibt es Tränen: der Abschied. Traurig und schön!

Thank you to Rosie, Ms Banner, and all the lovely staff at the College, teachers who let us into their classrooms and helped to organize, along with the janitor, technicians and the catering crew, who made our stay a pleasant and wonderful experience.

 

Tag 6

Ein kleines bisschen “Ausschlafen”. Frühstück erst um 8 Uhr, dann Packen und Abmarsch zum Bus. Mit dem Bus durch die Grenzlandschaft zwischen Wales und England Richtung Norden, nach Liverpool. Hübsche, typisch englische Landschaft, aber meist eher unspektakulär, nur einmal lässt sich die walisische Wildnis blicken. Kurz atemberaubend!

Über den Mersey nach Liverpool rein. Schickes Youth Hostel.

Kleiner Spaziergang zur Hafenstadt. Beeindruckende Gebäude aufgrund seiner bewegten Geschichte als reiche Handelsstadt, tolle Museen. Und Beatles! Überall! Eine kleine Gruppe macht sich auf zur Beatles Story, der andere Teil geht ins Liverpool Museum. Verschiedene Aspekte zur Geschichte und Kultur Liverpools, schön aufbereitet.

Dann trennen wir uns, die Shoppingmeile ruft. Ein Labyrinth an Einkaufsstraßen und Treppen mit einem Vielfachen des Angebots von Cardiff und eine riesige Indoor- und Outdoor Shopping Mall, das Liverpool One.

Treffpunkt am Abend: ein Restaurant mit chinesischem Buffet. Wir schlagen uns die Bäuche voll. Rückweg durch den Ausgehfreitag, die Straßen sind voll, Musik und „ausgelassene“ Menschen in kleinen und großen Gruppen, in Kneipen und Bars, noch eine kleine Straßentanzeinlage mit einer jungen Engländerin. Man wird hier immer und dauernd angequatscht.

 

Tag 7

Nach echtem „English Breakfast“ (Rührei, Baked Beans, Würstchen, gebratener Schinken, Toast) ein letztes Mal ins Museum, „Liverpool Maritime Museum“, zur Geschichte der Seefahrt und Liverpool als Knotenpunkt von Handel und Schifffahrt und der Migration in die neue Welt, Australien, Neuseeland und Amerika (9 Mio. Menschen gehen in ca. 100 Jahren über die Landungsstege des Liverpooler Hafens und nehmen Abschied von der alten Heimat Europa). Liverpool aber auch als Ort, der wirtschaftlich eng in den Sklavenhandel verwoben war und immens davon profitierte. Informationen über die Entwurzelung der Menschen und die verlorenen Kulturen, den Umgang mit den Sklaven und das Geschäft an sich, den bis heute fortdauernden Rassismus als auch die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema.

Mittags noch kurz Freizeit, dann Gepäck abholen, mit dem National Express nach Manchester (Airport), noch mal die Sicherheitsschleuse passieren („Das mit den Scheren hatten wir jetzt mehrmals gesagt.“ „Ja, auch das mit den Flüssigkeiten wurde mehrmals von uns angesprochen und auch vom Flughafenpersonal nur ca. 5-10 mal wiederholt.“)
Aber wir haben es doch geschafft. In 4 Stunden sind wir zuhause.

 

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