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Geoökologe und Klimaforscher Carsten Schaller von der Universität Münster am HSG

 

 Es ist wahrlich nicht einfach, Schülerinnen und Schüler am Freitag in einer 6. und 7. Stunde für fachliche Inhalte zu interessieren, viel weniger zu begeistern. Beides ist unserem Referenten Carsten Schaller voll gelungen. Er hatte es vermocht, trotz der sehr knappen Zeit, nicht nur sehr viele wissenschaftliche Fakten ausgesprochen verständlich zu erklären, sondern den Kurs wirklich mit einzubeziehen. Herr Schaller seinerseits schwärmte im Anschluss von den Beiträgen, die im Laufe des Workshops von den TeilnehmerInnen gekommen waren.

Den KursteilnehmerInnen bescheinigte er ausgesprochen viel Weitsicht, da sie erkannt hatten, dass sich Klimawandel eben nicht reduzieren lässt auf „Ok, der Meeresspiegel steigt… , aber mit mir hat das im Grunde nicht wirklich was zu tun, ich wohn ja nicht am Meer…. Und außerdem hat sich das Klima schon immer geändert“. So einfach ist es leider nicht.

 

 

Die KursteilnehmerInnen hatten zunächst zwei Zettel bekommen und sollten aufschreiben, was der Begriff „Klimawandel“ bedeutet und welche Folgen das denn hätte. Nicht verwendet werden durften die gängigen Begriffe „Temperaturerhöhung“ und „Treibhausgase“. Die Schüler zeigten mit Stichworten wie „Flüchtlinge“, „Zerstörung von Lebensräumen“ oder auch „erneuerbare Energien“ und „Lebensmittelknappheit“, dass ihnen bereits sehr bewusst ist, die Klimaerwärmung auch sehr weitreichende Folgen im Bereich Wirtschaft und Soziales nach sich zieht.

 

Tatsache ist, dass das Ausmaß des Klimawandels UND die daraus resultierenden, globalen Folgen, wirklich NUR an der Reduzierung der Treibhausgase hängen. Bei dem Versuch, einer Vergrößerung des Ozonlochs entgegenzuwirken, hat man ja durchaus bewiesen, dass die Menschenheit fähig ist, zu handeln, d.h. es wird kein neues FCKW mehr produziert. Das Ozonloch wird dementsprechend, wenn auch sehr langsam, wieder kleiner. So weit, so gut.

 

Analog muss auch beim menschengemachten CO2-Ausstoß gehandelt werden. Dieser ist schlicht so hoch, dass wir in die Katastrophe laufen, wenn wir es nicht schaffen, auch ihn auf Null (!) zu senken.1) Denn das Klimasystem der Erde funktioniert wie eine Badewanne , die über den Wasserhahn mit Wasser befüllt wird, während gleichzeitig der Bodenstopfen gezogen ist und Wasser ausfließt. Solange über die Zeit die gleiche Wassermenge in die Wanne gelangt wie aus der Wanne abfließt, ist das System im Gleichgewicht und der Wasserspiegel ändert sich nicht. Erhöht man jedoch die einfließende Menge, so steigt trotz geöffnetem Abfluss der Wasserspiegel der Badewanne kontinuierlich.

Niebert, K. & Eggemann, N. (2014): From Peak Oil to Peak Everything.

 

Auf das Klima übertragen bedeutet das: bevor der Mensch ab 1750 den Wasserhahn immer weiter aufgedreht hat (immer mehr Treibhausgase ausgestoßen hat) war das System über Jahrtausende im Gleichgewicht und somit die globale Oberflächen-Temperatur nur den natürlichen Schwankungen des Klimasystems unterworfen. Hauptsächlich durch die Nutzung fossiler Energieträger (Erdöl, Kohle, Gas) aber auch durch die Rodung von Wäldern stößt der Mensch nun kontinuierlich jedes Jahr mehr CO2 (und weitere Treibhausgase) aus, als durch die Photosynthese der Pflanzen und die Ozeane im selben Zeitraum wieder aufgenommen werden könnte.

 

In vorindustrieller Zeit lag der Anteil von CO2 an der Luft in der Atmosphäre bei 0,028 % (280 ppm). Heute liegt dieser Wert bei 0,040 % (400 ppm). Der Anteil von CO2 in der Luft wurde also um 0,012 Prozentpunkte erhöht, wofür ausschließlich der Mensch verantwortlich ist. Diese Differenz zwischen dem vorindustriellen und dem heutigen Wert entspricht einer Erhöhung der Menge CO2 in der Atmosphäre um ca. 43%.

 

Die Grafiken, die anhand der Messergebnisse am Mauna Loa 2) erstellt wurden, zeigen mehr als eindrucksvoll wie rasant und in welch kurzer Zeit sich der CO2 Ausstoß in der Atmosphäre erhöht hat. Betrachtet man zunächst nur den erdgeschichtlich lächerlich kurzen Zeitraum von 1960 bis 2015, so könnte man sich über die Dramatik des Anstiegs vielleicht noch hinwegtäuschen. Das geht nicht, betrachtet man die zweite Grafik, die in Jahrtausenden rechnet.

 

 

Falls jemand 0,04 % CO2 in der Atmosphäre wenig findet, kann man dem prinzipiell antworten, dass die Dosis das Gift macht. Zum Vergleich: ein Anteil von nur 0,0013 % Arsen im Körper (= 13 mg/kg) endet mit dem Tod.

Noch ein paar weitere Fakten:

  • Von 1993 bis 2003 sind in wissenschaftlichen Fachzeitschriften insgesamt 928 Studien erschienen, die den menschengemachten Klimawandel während der letzten 50 Jahre belegen. Es gibt hingegen im gleichen Zeitraum keine einzige (!), die das Gegenteil beweist oder beweisen könnte.3)
  • Von 1983 bis 2012 (und bis heute) hatten wir das global wärmste Klima (= veränderte Mittelwerte über eine Dauer von 30 Jahren) seit 1400 Jahren, gleichzeitig war jeweils jedes der letzten drei Jahrzehnte bis heute für sich wärmer als alle vorhergehenden seit 1750.4)
  • Die Ausdehnung des arktischen Meereises im Sommer wird immer geringer.5)
  • Gleichzeitig beobachten wir eine mittlere globale Änderung des Meeresspiegels um fast 20 cm seit dem Jahr 1900. Klingt nach wenig, aber: wenn wir es nicht schaffen, die Temperaturerhöhung bei max. 2 °C zu halten, sind wir global in 2300 bei einem bis zu 4 Meter höherem Meeresspiegel.6)
  • Der Videozeitraffer belegt leider sehr eindrucksvoll den Gehalt von CO2 in der Atmosphäre während der Jahres 2006. Wer es bislang noch nicht wusste, sieht hier im Film, dass die Verursacher der Katastrophe die großen Industrienationen dieser Welt sind: die USA, Europa, China und Teile Asiens.7)

 

Der im Jahr 1978 vorhergesagte Kipppunkt des Westantarktischen Eisschelfs wurde im Jahr 2014 tatsächlich bereits erreicht8). Ein solcher Kipppunkt ist irreversibel, also nicht mehr umkehrbar. Auch das Sterben der Korallen ist aufgrund des bisherigen Temperaturanstiegs nicht mehr aufzuhalten. Einige weitere solcher Kipppunkte stehen langfristig in den nächsten Jahrhunderten bevor, wenn wir nicht tatsächlich versuchen, die Klimaziele von Paris umzusetzen.

Nun könnte man sagen, schade um die Korallen, aber die Welt wird auch ohne sie weiter existieren. Wer so reagiert, ignoriert den komplexen Zusammenhang aller Ökosysteme. Klimawandel heißt eben nicht, „endlich wird’s bei uns im Sommer wärmer, mir war’s bislang sowieso immer zu kalt“.

Klimaerwärmung bedeutet GLOBAL:

  • starke Migration aus von den Folgen betroffenen Ländern in die Industrienationen
  • mehr Naturkatastrophen einschließlich des Auftretens von neuartigen, bislang unbekannten Extremereignissen9)
  • Aussterben von Pflanzen und Lebewesen (z.B. Plankton am Beginn der Nahrungskette aufgrund der Versauerung der Meere), was völlig unabsehbare was völlig unabsehbare Folgen für den Fortbestand und das Gleichgewicht vieler Ökosysteme hat und in der Folge wiederum für die Menschen 10)
  • Gesundheitliche Auswirkungen verschiedener Art: Ausbreitung von Krankheiten (z.B. West-Nil-Virus in Deutschland), Todesopfer durch Hitzewellen, Überflutungen, Bergstürze11)
  • bei ungebremsten Emissionen längerfristig (also nach 2100) das Erreichen weiterer Kipppunkte des Klimasystems, bspw. dem irreversiblen Zusammenbruch des Golfstromsystems im Atlantik12)
  • (volks)wirtschaftlich massivste Probleme, prognostizierte Kosten in Höhe von 3000 Milliarden Euro alleine in Deutschland bis 210013)

Nur, wenn uns das alles egal ist, dann können wir weitermachen wie bisher. Um mal eines ganz klar zu stellen: Diejenigen, also wir, die begriffen haben, dass es den Klimawandel tatsächlich gibt, beharren nicht darauf, einfach, weil wir gerne Recht haben. Im Gegenteil. Nichts wäre uns lieber, als wenn wir sagen könnten „alles nicht so schlimm“. Da aber die Fakten eine klare Sprache sprechen, würden wir uns in die eigene Tasche lügen. Warum sollte ein vernunftbegabter Mensch das tun?


Ein Hauptgrund den Klimawandel und seine Folgen zu ignorieren ist sicherlich zunächst die Bequemlichkeit und damit einhergehend die Inanspruchnahme von Privilegien, die die Mehrheit der Weltbevölkerung nicht hat. Es ist schlicht wunderbar einfach, alles so zu lassen wie es ist, so zu leben, als „gäbe es kein Morgen“. Und genau das tut die große Mehrheit in den industrialisierten Ländern. Tatsache ist, wenn alle so weitermachen wie bisher, wird es dieses „Morgen“ in absehbarer Zeit wirklich nicht mehr geben. Mit jedem weiteren Kipppunkt, der erreicht wird, sind bestimmte Veränderungen nicht mehr umkehrbar. Wie bereits erwähnt: irreversibel heißt so viel wie „endgültig, unwiederbringlich vorbei“. Ich meine, dass das den allerwenigsten Menschen wirklich klar ist, diese Unumkehrbarkeit.


Wenn uns das alles nicht egal ist, dann sollten wir das tun, was wir tun können, nämlich unser Konsumverhalten überdenken und gegebenenfalls ändern: Wir können selbst entscheiden, welche Verkehrsmittel wir nutzen, welche Lebensmittel wir kaufen, wie wir heizen oder wie wir verreisen. Jede/r hat seinen/ihren ganz persönlichen ökologischen Fußabdruck, über den er/sie ganz allein bestimmt. Mehr Bahn statt Auto, Verzicht auf Flugreisen, saisonal, regional und ökologisch einkaufen, Strom aus nicht-fossilen Quellen beziehen usw. Es geht um nicht mehr und nicht weniger, als um die Verantwortung gegenüber einer Welt, die nicht uns allein „gehört“, sondern allen anderen Menschen und Lebewesen auf diesem Planeten, jetzt und zukünftig.

 

Unser Referent: Carsten Schaller

Ebenso beeindruckend wie der Workshop ist auch unser Referent selbst;
Carsten Schaller ist 29 Jahre alt und hochgradig, an Taubheit grenzend schwerhörig. Seit seinem zweiten Lebensjahr trug Herr Schaller Hörgeräte, in den Jahren 2008 und 2010 wurde ihm jeweils ein Cochlea-Implantat eingesetzt, was seine Hörfähigkeit deutlich verbessert hat, wenngleich das immer noch sehr weit entfernt ist von dem, was wir als normal hörend bezeichnen.


Trotz seines enormen Handicaps hat Herr Schaller ein ganz normales Gymnasium besucht (die Akustik am HSG war für ihn allerdings sehr schwierig wegen unserer hohen Decken). In Bayreuth hat er Geoökologie studiert und promoviert nun an der Universität Münster im Bereich Klimatologie. Das Bild zeigt ihn an seiner Messstation in Niedersachen.


Carsten Schaller engagiert sich nicht nur für das Klima, sondern auch für die Belange von hochgradig hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen. Er ist im Vorstand des Vereins HörEnswert e.V. für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. https://www.hoerenswert.org/vorstand/


Andrea Hümmer (Carsten Schaller für die wissenschaftlichen Inhalte)
 

 

1) schöner, allgemein verständlicher Artikel dazu hier: http://www.spektrum.de/kolumne/vollbremsung-fuers-klima/1512245

2) https://scripps.ucsd.edu/programs/keelingcurve (27.11.17) 

3) http://science.sciencemag.org/content/306/5702/1686 – Zugriff leider nur über Universitätsbibliotheken

4) eine von vielen Quellen: IPCC-Report 2014, deutsche Zusammenfassung: http://www.ipcc.ch/pdf/reports-nonUN-translations/deutch/IPCC-AR5_SYR_barrierefrei.pdf)

5) auch hier Quelle IPCC-Zusammenfassung)

6) Quelle: https://www.nature.com/articles/nclimate1584 – leider Zugriff auch hier nur über Universitätsbibliotheken, aber hier gibt es eine deutsche Pressemitteilung: https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/archiv/2012/erheblicher-anstieg-des-meeresspiegels-in-einer-welt-mit-zwei-grad-erwaermung)

7) Film unter http://svs.gsfc.nasa.gov/11719 und auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=x1SgmFa0r04.

8) Quelle: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/2014GL060140/abstract / allgemein verständlich bei Stefan Rahmstorf: https://scilogs.spektrum.de/klimalounge/westantarktis-ueberschreitet-den-kipppunkt

9) Quelle u.a. IPCC-Zusammenfassung  

10) ebd.

11) ebd.

12) http://www.pik-potsdam.de/~ricardaw/publications/schellnhuber_rahmstorf16.pdf

13) https://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_02.c.233117.de

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