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Der Dichter Ernesto Cardenal liest vor jungem Publikum

Er war es wirklich, der echte Ernesto Cardenal, erkennbar nicht nur am typischen Äußeren: schlohweißes langes Haar unter der Baskenmütze, Jeans und weißes Hemd. Kurzfristig hatte sich der Spanischfachschaft die einmalige Chance eröffnet, den weltberühmten Dichter und Revolutionär aus Nicaragua für eine Lesung vor Spanischschülerinnen und –schülern an das Hans-Sachs-Gymnasium zu laden. So wurde der Unterricht für das junge Publikum zu einer außergewöhnlichen „Stern-Stunde“.


Als der alte Dichter mit mühsamen Schritten die Bühne erklomm, wurde es still in der neuen Sporthalle des Hans-Sachs-Gymnasiums. Über 300 Schüler des HSG und einiger benachbarter Gymnasien mit  ihren Lehrkräften waren am Freitag, dem 16. März 2012, in die Sporthalle geströmt und lauschten erwartungsvoll und konzentriert den Worten des 87jährigen Dichters. Cardenal sprach Spanisch, sein Übersetzer Lutz Kliche, der viele Werke der lateinamerikanischen Literatur ins Deutsche übersetzt hat, las die deutsche Version und führte daneben lebendig in Biographie und Werk des Dichters ein.

 

1925 in Granada (Nicaragua) als Sohn einer wohlhabenden Familie geboren studierte Cardenal Literatur in Mexiko und New York. Er engagierte sich politisch gegen die Diktatur des Somoza-Clans in seinem Heimatland. Mit 32 Jahren erfuhr er eine Konversion zum Christentum, die er in seinem „Buch von der Liebe“ beschrieb, und wurde 1957 Mönch im Trappistenkloster von Gethsemani/Kentucky. Der Dichtermönch Thomas Merton, sein Novizenmeister, prägte ihn nachhaltig. Aus gesundheitlichen Gründen verließ Cardenal jedoch das Kloster, studierte Theologie und wurde 1965 zum Priester geweiht. Seine christliche Lebensgemeinschaft, die er auf der Insel Mancarrón im Nicaragua-See gründete, wurde berühmt durch Cardenals Gesprächsmitschriften, das „Evangelium der Bauern von Solentiname“. Als Somozas Nationalgarde 1977 die Gemeinschaft gewaltsam auflöste, musste Cardenal fliehen. Nach dem Sturz Somozas durch die Frente Sandinista wirkte Cardenal als Kultusminister in der neuen sandinistischen Regierung. Heute allerdings kritisiert er den wieder amtierenden sandinistischen Regierungschef Daniel Ortega als korrupt.


Cardenals kämpferische Empörung, seine engagierte Menschlichkeit und seine gläubige Leidenschaft waren auch für diejenigen im jungen Publikum, die sich mit dem Spanischen schwer taten, deutlich zu spüren, als der alte Dichter mit jugendlichem Pathos Gedichte aus fünf Jahrzehnten las. Bewegende ältere Texte wie das „Gebet für Marilyn Monroe“ beeindruckten ebenso wie die Meditationen des „Buches der Liebe“ oder die vom Wissensstand aktueller Astrophysik durchdrungenen Gesänge über das Universum aus dem „Cántico Cósmico“ („Wir sind Sternenstaub“). Cardenal ruht sich aber nicht auf den Lorbeeren seiner Lyrik aus, sondern bleibt kritischer Zeitgenosse. Dies belegten eindrucksvoll die neuen Gedichte über die Zerstörung des irakischen Nationalmuseums oder über die ausbeuterischen Bedingungen der Handyproduktion im Kongo. Immer blieb Cardenal seinem „exteriorismo“ genannten charakteristischen Stil einer engagierten Lyrik treu und fügte in die Gedichte Daten, Zahlen, Fakten, Zitate, Straßennamen usw. ein, um zu belegen, was er kritisiert oder wovon er singt.


In der „Vision von San José“, einem Gedichtauszug über einen Abend, der von der Liebe der Menschen zueinander kündet, fasste Cardenal seine Vision des Reiches Gottes zusammen, eine Vision von einer Welt der Gerechtigkeit und Liebe. Gern zeigte er sich bereit, auch die spannenden Fragen des jungen Publikums über die Evolution, den Marxismus, zu dem er sich bekannte, die menschliche Freiheit und das Gottesbild zu beantworten. Begeisterter Applaus wurde dem Dichter zuteil und ein glückliche Dankesworte von der Organisatorin Frau Dr. Langenhorst und Schulleiter Dr. Müller.

 


Für die Fachschaft Spanisch: Dr. Annegret Langenhorst

 

Zum zugehörigen Zeitungsartikel in der Nürnberger Zeitung

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